Die Janine-Story

Wer jetzt glaubt, diese Geschichte hat kaum etwas mit einem Techblog und Netroid zu tun, der irrt. In diesem Artikel geht es um mehr als um eine Geschichte eines gescheiterten Dates. Wem das zu lang ist, für den nehme ich das Fazit vorweg: Im Internet kann man sich perfekt als eine andere Person ausgeben, die man gar nicht ist. Das Aufbauen einer nicht real existierenden Person in sozialen Netzwerken ist leichter als gedacht und man kann leichter darauf reinfallen, als es zuerst den Anschein macht. Also: Bleibt misstrauisch und glaubt nicht alles.

Ob das Janine wirklich ist, weiß keiner bis heute.

Beginnen wir nun mit der Geschichte. Dass es auf Facebook Gruppen gibt, ist wohl jedem bekannt. Fotogruppen, Lokale Gruppen, Haustiergruppen… Es gibt viele Beispiele einer Facebook-Gruppe. Meine Geschichte beginnt in einer lokalen Gruppe. Leute aus Bremerhaven treffen sich dort, um über alte Zeiten zu sprechen oder Fotos von der Stadt zu posten. Auch ich habe dies gerne getan. Da ich mich zusätzlich für Urbex-Fotografie interessiere, besuchte ich in der Nähe von Bremerhaven ein ehemaliges Krankenhaus. Es war mieses Wetter und eine relativ unheimliche Atmosphäre dort. Trotzdem betrat ich dieses Krankenhaus und schoss Fotos. Diese Fotos postete ich letztendlich in der Bremerhaven-Gruppe. Ich erhielt viel Feedback und einige private Nachrichten. Zwei Personen schrieben mich an, wo denn dieses Krankenhaus läge und wie man dort am besten hinkommen könne. Ich beantwortete diese Fragen und bei der einen Person war dieses Thema erledigt. Die andere hielt Kontakt zu mir und wir kamen ins Gespräch. Erst über banale Themen wie Fotografie, doch dann fragte sie mich nach meiner Telefonnummer. Sie meinte, es wäre toll, wenn wir über WhatsApp weiter schreiben könnten. Ich antwortete ihr, dass ich kein WhatsApp habe, aber man über Telegram kommunizieren könnte. Also lud sie sich Telegram herunter und wir kommunizierten weiter über diese Plattform. Plötzlich war sie weg. Nach 3 Tagen schrieb ich sie an, was das denn solle und weshalb sie nicht mehr erreichbar ist. Relativ schnell kam dann eine Antwort, dass sie viel um die Ohren hat und wohl bei ihren Eltern rausgeflogen ist. Sie würde jetzt eine Wohnung suchen und bis sie eine eigene gefunden hat bei einem Freund wohnen. Ich dachte mir nichts weiter dabei und für mich war das Thema erledigt. Dann schrieb sie mir aber, dass sie mich gerne näher kennen lernen würde. Ich meinte, dass man dies gerne tun könne und wir uns gerne treffen können. Sie meinte, für ein Treffen sei dies zu früh aber man könne ja skypen. Also Skype angemacht, sie angerufen und los ging ein fast 5-stündiges Gespräch. Es war sehr nett und man konnte wirklich viel reden. Allerdings war die Qualität sehr schlecht, sodass man am anderen Ende nur ein bisschen Pixelquark sehen konnte. Von einem richtigen Gesicht war wenig zu erkennen. Also schickte sie mir Bilder von sich über Telegram. Auf wirklich jedem sah sie umwerfend aus. Ich hatte keine Zweifel über ihre Existenz, denn ich habe ja definitiv mit einer Frau geskyped. Jedenfalls hielten wir Kontakt und chatteten oft über Telegram. Bis ich dann ein erstes Treffen vorschlug. Kurzfristig wurde das dann abgesagt, genauso wie das zweite und das dritte auch. Ich habe mich ziemlich geärgert und ihr nahegelegt, dass so ein Verhalten nicht ginge. Dann meinte sie, dass sie das schwer erklären können, aber mich lieben würde. Dann kamen mir erste Zweifel bezüglich des Geisteszustandes dieser Frau… Ich meine, wir haben gerade mal geskyped und gechattet und uns nichtmal persönlich gesehen. Warum in aller Welt kann man so eine Person gleich lieben?

Jetzt wurde es aber immer etwas unheimlicher. Sie wusste, dass ich Student in der Hochschule Bremerhaven war. Irgendwann schrieb sie mich an, dass sie mich in der Hochschule gesehen hätte. Ich fragte sie, warum sie mich nicht begrüßt hätte, als Antwort kam eigentlich nichts richtiges sondern nur wieder ein Bild von ihr. Mit anderen Worten: Sie ist tatsächlich in die Hochschule gegangen, hat mir nachspioniert und das auch noch offen zugegeben. Da wurde mir etwas unheimlich. Generell wurde der Kontakt zu ihr sehr komisch. Immer wieder betonte sie, wie sehr sie mich lieben würde, sodass ich mich mit anderen Freunden schon darüber lustig gemacht hab. Dann aber kam der große Krach in ihrem Leben. Irgendein Freund, so erzählte sie, sei wohl verstorben und sie würde das total fertig machen. Als ich dann mit ihr skypte, hat sie nur geheult. Ein Gespräch war nicht möglich. Dann kam eine Weile nichts und irgendwann schrieb sie mich an, dass sie sich umbringen wollte. Ich machte mir natürlich Sorgen diesbezüglich, aber konnte nicht helfen, weil ich weder wusste, wo sie wohnt, was sie macht und was das überhaupt für eine Person ist. Eigentlich wusste ich kaum etwas über sie, aber sie immer mehr über mich.
Plötzlich war Janine weg. Ich versuchte sie anzurufen, die Nummer war nicht mehr vergeben. Sie hatte sich komplett gelöscht. Auf Facebook, auf WhatsApp und sogar ihr Telegram-Profil war inaktiv. Es war nichts aber auch gar nichts mehr von ihr über. Sie war wie ein Phantom. Ich wusste kaum etwas über sie und konnte nichts herausfinden. Ich habe mich gefragt ob sie sich vielleicht tatsächlich umgebracht hat? Aber nichts konnte ich herausfinden.

Hier machen wir mal ein Punkt. Eine Person, die auf mich einen manisch-depressiven Eindruck machte, aber dennoch wohl umwerfend aussah, schrieb mich an, wollte Kontakt zu mir und sogar eine Beziehung. Sie wollte sogar bei mir Wohnen, hat sich aber nicht einmal mit mir getroffen, um mich näher kennen zu lernen. Ich bin froh, dass ich trotz des aufgebauten Kontaktes relativ distanziert an die Sache ranging und nicht auf alles eingegangen bin.

Nach einem Monat dachte ich mir, ich könnte mal intensiver der Sache nachgehen und schrieb einen ihrer damaligen Facebook-Freunde an, der fast jedes Bild von ihr mit einem Herzchen kommentiert hat. Den Namen konnte ich mir irgendwie gut merken, sodass ich ihn auch ohne Janines Facebook-Präsenz fand. Für den weiteren Verlauf der Geschichte nenne ich ihn einfach Kuno.
Ich schrieb ihn an, was er über Janine wüsste und ob er weiß, ob sie noch lebt. Dann kam er mit der erschütternden Wahrheit. Er hatte sozusagen das gleiche durchgemacht wie ich, wenn nicht gar schlimmer. Janine hat ihm Liebe vorgegaukelt, hat aber trotzdem alle Treffen kurzfristig abgesagt, sodass er sie nie „richtig“ kennen gelernt hat. Obwohl: eigentlich doch. Er erzählte, dass Janine meinte, sie hätte eine Schwester. Da Janine und ihre Schwester wohl von zuhause rausgeflogen seien (gleiche Geschichte wie bei mir…), hätten sie wohl nach einer Wohnung gesucht. Kuno bot an, dass Janine und die Schwester bei ihm wohnen könnten. Gekommen ist aber nur „die Schwester“. Hässlich wie die Nacht und dick nistete sie sich in der Wohnung ein, mit der Begründung, Janine würde wohl nachkommen und hätte wohl noch etwas zu tun. Das ging dann mehrere Tage so. Sie lebte auf Kunos Kosten und er ließ sich das eine Weile gefallen. Irgendwann bekam Kuno Zugriff auf Janines PCs und fand heraus, dass die Schwester eigentlich Janine selber war und dass er nicht der einzige ist, den sie verarscht hatte. Offensichtlich wohnte sie vor Kuno noch bei ein paar anderen Männern und ließ es sich gut gehen. Sie lebte auf Kosten derer, die ihr eine Wohnung zur Verfügung stellten und schien sich keiner Schuld bewusst zu sein. Nun stellte Kuno Janine zur Rede und drohte damit, eine Anzeige bei der Polizei zu erwirken, danach verschwand Janine. Sie hatte alles gelöscht und war nicht mehr auffindbar.

Zusätzlich erfuhr ich, dass Janine diese Masche schon seit 2012 durchzog und rigoros einen Mann nach dem anderen verarscht hatte. Kennen gelernt hatte sie diese nicht nur über Facebook sondern auch über Dating-Websites. Soweit zum Thema: Vertrauenswürdige Personen bei Dating-Websites. Wer die Person ist, die auf den Bildern von Janine zu sehen ist, frage ich mich bis heute. Auch eine Google-Bilder-Suche ergab nichts. Denn nichts war so, wie es schien und ich frage mich ebenfalls bis heute, wie man sich so leicht verarschen lassen konnte. Es ist erstaunlich, wie schnell und leicht man eine komplett andere Persönlichkeit im Netz aufbauen kann und wie leicht man darauf reinfallen kann. Ich habe diese Geschichte abgehakt, bin aber für die Zukunft etwas weiser geworden. Ich bin bis heute froh, dass ich auf nichts großartig eingegangen bin, sie nicht bei mir wohnen lasse habe und ihre Liebe nicht erwidert habe. Dennoch habe ich einfach viel zu viel geglaubt. Also Leute: Lasst euch nicht verarschen.

Ein Kommentar
  1. Ich fühl mich ja fast schlecht, dass ich beim Lesen schmunzeln musste, aber wenn du vorher den Film “Catfish” gesehen hättest, wärst du vermutlich weniger leichtgläubig gewesen (unabhängig davon, wie viel von dem Film Fake bzw. Bloßstellen einer offensichtlich minderbemittelten Person sein mag). ^^ Schau dir den mal an, da wirst du vieles wiedererkennen. ;)

    Antworten
    Jano
    7. September 2014, 13:26

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